Keine Gewalt gegen Polizisten

Keine Gewalt gegen Polizisten

Das ist keine offizielle Webseite der Polizei!

Ich heiße Mildred Gernhardt und ich bin nicht Polizistin. Es geht mir nicht darum, Polizisten besser zu machen als sie sind. Aber eben auch nicht schlechter.

Polizisten sind Menschen! Auch Polizisten trifft es, wenn sie beleidigt werden. Auch Polizisten haben Schmerzen, wenn sie zusammengeschlagen werden. Auch Polizisten haben Todesängste, wenn sie mit brennbaren Flüssigkeiten übergossen werden, wie am 1. Mai 2009 in Berlin geschehen.

Dieses Blog möchte aufzeigen, wieviel öfter Polizisten Gewalt ausgesetzt sind als sie sie ausüben - wie ihnen immer wieder vorgeworfen wird.

Jeder ist als Kommentator willkommen, auch wenn jemand Kritik an der Polizei üben möchte. Niemand ist perfekt, der menschlich ist - also wird es das eine oder andere zu kritisieren geben. Das Ganze sollte aber bitte ohne Beleidigungen auskommen, insbesondere ohne die Erwähnung männlicher Rinder! ;o) Ich behalte mir vor, Beiträge, die Menschen verachtende Beleidigungen enthalten, zu löschen.

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Aufgrund der schieren Menge habe ich eine Art "Auslagerungsdatei" für Gewaltakte gegen Polizeibeamte gebildet. Dieses zweite Blog heißt "Galerie der Gewalt". Beide Blogs sind Teil des Gesamtprojekts "Keine Gewalt gegen Polizisten".

Semper Fi - Tagebuch eines Polizeibeamten

Mildred GernhardtPosted by Mildred Gernhardt 24 Mar, 2011 18:34:59

Ich werde oft gefragt, was Polizeibeamte mir denn so erzählen. Manchmal mit diesem Unterton, der mir die Sinnlosigkeit meines Tuns verdeutlichen soll. ("Was können die schon für Probleme haben, wenn sie sich in ihren Streifenwagen die Eier schaukeln?")

Sehr viel häufiger geworden sind jedoch die Fragen, in denen echtes Interesse mitschwingt. Da verweise ich dann auf die Vertraulichkeit meiner Gespräche. Unbefriedigend für die Interessierten.

Jetzt gibt es eine Lösung. Sie heißt "Semper Fi – Tagebuch eines Polizeibeamten". Ein Buch, das mir, wie könnte es anders sein, von einem Polizeibeamten empfohlen wurde.

In diesem Buch beschreibt ein Polizist seinen Alltag. Dabei ist er natürlich subjektiv. Er schreibt sich, wie er selbst zugibt, Frust von der Seele. Frust, der ihm die Luft zum Atmen abschnürt. Der ihm auf der Brust liegt wie ein Gewicht. Wer diesem Buch vorwirft, nicht objektiv zu sein, hat nichts von diesem Buch verstanden. Objektivität ist nicht, was der Autor will.

Er berichtet uns von Erlebnissen mit vorgeblich "gebildeten" Menschen, die sich aus irgendwelchen hanebüchenen Gründen für überlegen halten ("Haben Sie nichts Wichtigeres zu tun?", "Ich bekomme soundsoviel tausend Euro Pension im Monat. Und Sie?"). Tausend kleine Nadelstiche, die trotz ihrer Erbärmlichkeit irgendwann schmerzen. Es geht weiter mit Menschen, die die Polizei erst rufen, um ihren Arsch retten zu lassen und den Polizeibeamten dann regelmäßig in den Rücken fallen ("Ist das jetzt nötig?"). Natürlich kommt ebenso brachiale Gewalt vor, mit der auch dieser Polizist konfrontiert wurde. Ich bin nicht umsonst auf dieses Projekt gekommen.

Jochen Schuler beschreibt die Sachlage aus einer subjektiven Warte. Darauf weist auch sein Schreibstil hin. Er schreibt, wie er vermutlich spricht. Wie die meisten Polizisten, die mit mir reden. Er redet wie ein normaler Mensch, in ziemlich gutem Deutsch und übt sich nicht in falscher Zurückhaltung. Alkoholisierte Typen, die ihm die Faust ins Gesicht rammen wollen, nennt er "besoffene Arschlöcher". Wer will es ihm verübeln?

"Semper Fi" ist erschreckend. Erschreckend dahingehend, dass ich nicht eine einzige der Geschichten überraschend finde, weil ich sie so oder ähnlich schon von Polizeibeamten erzählt bekam. Allerdings noch nie in so komprimierter Form.

Das kombiniert mit dem sarkastischen Polizistenhumor, den ich so mag, hat dafür gesorgt, dass ich das Buch nicht aus der Hand legen konnte. Oft habe ich gelacht und oft ist mir das Lachen im Halse stecken geblieben.

"Dieses Buch wird manchen Menschen derzeit nicht wichtig erscheinen." (Klappentext innen) Nun, ich gehöre zu denen, denen es wichtig erscheint. Es ist hochaktuell.

Zwar platzt Schuler hier und da der Kragen und er greift zu krass erscheinenden Lösungsvorschlägen. Jedem Leser mit einigermaßen Einfühlungsvermögen wird freilich klar, dass er damit keine Handlungsanweisungen gibt, sondern lediglich Gegenvorschläge macht. Gegenvorschläge, die vor dem Hintergrund nicht unberechtigt sind, dass die derzeitige Praxis in den allermeisten Fällen von Kleinkriminalität ganz offensichtlich kein bisschen weiterhilft. Dem Täter nicht und schon gar nicht dem Opfer. Was ja auch schon Kirsten Heisig, Fadi Saad und andere Menschen bemerkt haben.

Letztlich macht er ganz und gar deutlich, dass er sich reichlich verarscht davon fühlt, wieder und wieder dieselben Täter wegen derselben Delikte festzunehmen, weil sie einfach keine Grenzen besetzt bekommen. Bis es irgendwann zu spät ist, nicht nur für die Opfer, auch für die Täter, die dann irgendwann doch das dicke Ding drehen und endlich im Knast landen. Was selbst in Deutschland keine angenehme Erfahrung ist und was man ihnen hätte ersparen können, hätte man ihnen gleich das Ende der Fahnenstange gezeigt.

Die von diesem Polizisten beschriebene Respektlosigkeit, die immer mehr um sich greift, kenne ich aus Erzählungen anderer Polizeibeamten, aber auch aus anderen Zusammenhängen. Sie wird mir aus Schulen zugetragen oder man kann sie einfach erleben, wenn man jeden Tag über die Straße geht und die Augen und Ohren offenhält.

Mit "Respekt" meine ich übrigens nicht die pervertierte Form wie in "Ey, Alder, du musst voll Respekt vor mir haben." Ein freier Mensch muss vor niemandem in Ehrfurcht erstarren. Ich meine das, was ein Polizeibeamter mir gegenüber einmal so ausgedrückt hat: "Mir würde ein bisschen Wertschätzung für das, was ich jeden Tag tue, schon ausreichen." Das Gegenüber einfach als Mit-Menschen anzusehen und höflich zu behandeln ist eigentlich schon genug.

Dieser Respekt geht jeden Tag ein Stück weit mehr verloren. Das äußert sich u.a. darin, dass früher, wenn man den Gegner zu Boden gebracht hatte, eine Schlägerei beendet war. Heute tritt man auf den am Boden liegenden ein und zertrümmert ihm nach Möglichkeit noch das Gesicht.

Ich persönlich bin nicht mit restlos allem einverstanden, was Schuler schreibt und fordert. Aber seine Grundaussage ist klar – er ist frustriert, er fühlt sich verarscht und er fühlt sich im Stich gelassen. Von der Politik und von uns allen. Damit spricht er nicht wenigen Polizeibeamten, mit denen ich zu tun habe, aus der Seele. Sehr vielen. Wie oft habe ich schon gehört: "Manchmal würde ich es am liebsten hinschmeißen." Tut das bitte nicht. Wir, die wir Euch nicht regelmäßig auffallen, weil wir uns an die Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens halten, brauchen Euch!

Schon in anderen Zusammenhängen habe ich mich immer wieder gefragt, warum man nicht auf die Leute an der "Front" hört. Jene, die den Arbeitsalltag bewältigen und teilweise jahrzehntelange Berufserfahrung auf sich vereinigen. Klar haben die eine durch ihre persönliche Situation geprägte Sichtweise, aber das macht sie doch nicht ausnahmslos zu Idioten, die man nicht weiter beachten muss. Klar auch, dass die ebenfalls noch dazulernen können. Aber mit Sicherheit kann man auch von ihnen nicht schlecht lernen.

Vor etwa elf Jahren hatte ich die Nase gestrichen voll vom Dasein in einer deutschen Großbank. Ich sah keinen Sinn in meinem Tun. Damals führte ich u.a. Verhandlungen mit diversen Landespolizeibehörden. (Insofern kann ich Jochen Schulers Worte "Ich bin zur Polizei gegangen, weil ich, wie viele andere meiner Kollegen ein "Weltverbesserer" war und dieses Land ein Stück weit verändern wollte" (S. 4) extrem gut nachvollziehen.)

Meine Verhandlungen scheiterten daran, dass es für mich mit einem Hochschulabschluss keinen Weg in den Streifenwagen gab. Selbst das Angebot eines schriftlichen Verzichts auf die Besoldung des höheren Dienstes brachte mich da kein Stück weiter. Damit war das Thema Polizei gegessen, denn ich wollte ja aus den Bürojobs raus. Im schicken Kostümchen oder in Uniform mit goldenem Stern einen Sessel warmzuhalten, erschien mir ziemlich gleichrangig.

Vielleicht nicht der schlechteste Verhandlungsausgang. Am meisten bewundere ich ja die Selbstbeherrschung, die Polizeibeamte angesichts der ihnen entgegen schlagenden Dreistigkeit an den Tag legen. Wer weiß, ob ich das könnte.

Hingegen machte man mir damals durch die Bank deutlich, dass ich nach etwa zwei Wochen Praktikum bei der Schutzpolizei dann an Konzepten für bessere Polizeiarbeit mitwirken sollte. Um bei einem von Jochen Schuler und mir gleichermaßen gern genutzten Bild zu bleiben – das habe ich abgelehnt, weil ich als Blinde jenen, die seit 20, 30 Jahren den Himmel sehen, nichts über seine Farbe erklären wollte.

(An dieser Stelle sei allen Küchenpsychologen gesagt, dass ich mich nicht jeden Abend in den Schlaf weine, sondern im Gegenteil in meinem aktuellen Beruf ausgesprochen zufrieden bin. Was mich nicht gehindert hat, in der verschobenen Wahrnehmung, wer in diesem Land die Gewalttäter sind, eine Ungerechtigkeit zu erkennen.)

Nun, hätte ich mich damals darauf eingelassen, dann würde ich heute alles daran setzen, herauszufinden, wer Jochen Schuler wirklich ist. Und zwar nicht, um ihn in den "Genuss" von Repressalien kommen zu lassen oder ihn mundtot zu machen, sondern um in ihm einen sicherlich unbequemen, aber in jedem Fall ehrlichen Berater zu haben. Vermutlich würden ab und zu die Fetzen fliegen – aber Gewitter reinigen ja bekanntlich die Luft.

Ich hoffe, dass seine Vorgesetzten das ähnlich sehen.

Falls Sie das hier lesen, Herr Schuler:

Auf Seite 308 schreiben Sie: "Der größte Erfolg wäre für mich, wenn Sie sich vielleicht für die Zukunft den Vorsatz nehmen könnten, einfach mal zu lächeln, wenn Sie einem Polizeibeamten begegnen. Er wird es ihnen danken, auch wenn er es sich wahrscheinlich nicht erkennbar anmerken lässt."

Das mache ich schon lange, aber seit Lektüre Ihres Buches tue ich es mit noch mehr Freude, weil ich jetzt sicher weiß, dass die Botschaft ankommt, wo sie hinsoll. Danke dafür! smiley

Diese Republik hat heute früh mal wieder einen guten Teil meiner Sympathie verspielt, als ich erfahren musste, dass den Soldaten in Afghanistan derzeit die Zahnpasta ausgegangen ist. Ich habe welche hingeschickt. Nicht, um freundlicherweise die Staatskasse zu entlasten, sondern weil ich es beschämend finde, wenn Menschen per Parlamentsbeschluss in so eine Scheißlage geschickt werden und es dann offenbar nicht einmal möglich ist, eine Grundversorgung mit Hygieneartikeln zu gewährleisten. Der letzte Rest Ansehen wäre an dem Tag verspielt, an dem ich erfahren muss, dass Jochen Schuler suspendiert worden wäre, anstatt einfach angehört zu werden.